Kostproben aus dem Kurs 2015/16

Der Funkenjunge in der Nacht

Sein wehender Mantel rahmt ihn ein
und gibt ihm Platz, er selbst zu sein.
Sein Schritt ist groß, sein Weg ist weit,
sein blasses Gesicht strotzt vor Entschlossenheit.

Sein Weg führt ihn durch dunkle Nacht,
doch hat der Schöne lichte Macht.
Er kennt den Frieden
und träumt vom Siegen.

Doch ist die Nacht so voller Macht,
der Funkenjunge so viel Böses nicht gedacht.
Noch ist die Machtnacht stärker als er
und lastet auf ihm tonnenschwer.

Der Jungenfunke geht zu Boden,
sein Körper bebt, sein Herz es steht.
Ein letztes Mal bäumt er sich auf,
das so paradox Gescheh'ne vor sich sehend.

"Ist das mein Tod -
ein Heldenstirb?",
bricht er die Stille
und der Tag bricht an.

Jana Bruns



Reigen des Fauns


Der Wein, er fließt,
der Gläser Klang,
der Reigen wiegt,
Gesang heran.

Lodernd' Lachen
beim teufgeln Spiel,
für verzück'nde Sachen
riskier'n sie viel.

Pulsierend Rot
im geschwenkten Kelch,
benetzt die Lippen,
beflügelt schnell.

Es dreht sich schnell und schneller,
des Reigens wildes Spiel,
der Herzen Poch und Pochen
verzehr'n die Zeit, das Hier.

Das Lachen hallt,
die Schritte traben,
der eine weiß,
er wird sich wagen.

Allen Mut zusammennehmend,
dicht an dicht beisammenstehend,
gesteht er seine Liebe ihr,
wie es endet, seht ihr hier.

Jana Bruns




Kostproben aus dem Kurs Kreatives Schreiben 2014/15

3.September 2014

Ein kleines Stück unberührte Natur in mitten einer Stadt, in der man so etwas nicht erwarten würde. Doch trotzdem existiert sie noch. Diese idyllische Natur, die nicht von Lärm und dem Gestank der Großstadt geprägt ist. Ein Ort zum Abschalten, zum Entspannen, wo der Wasserfall wie die Seele ist und sich von allem angesammelten Stress befreit. Man kann loslassen, zu sich selber finden und mit sich ins Reine kommen. Solange, bis der Takt des fallenden Wassers deinen eigenen Herzschlag kontrolliert und du dich immer tiefer in deinen Gedanken fallenlässt, bis nicht mehr du sie kontrollierst sondern sie dich. Die Natur hat dich gepackt und das ist auch gut so, denn ab und an musst du zum Ursprung aller Dinge zurückkommen um wieder Klarheit zu entwickeln, um dich auf neue Dinge einlassen zu können und um dich selber wiederzufinden.

(Pauline Lammers)

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Blowing With The Wind


Der Wind weiß. Er kennt Antworten auf ungestellte Fragen. Ihm werden Geheimnisse anvertraut in der Hoffnung, dass er sie niemandem verrät.
Und der Wind schweigt. Er behält alles für sich und wispert nur manchmal einem Baum im Vorbeirauschen etwas zu. Aber sein Flüstern verhallt unverstanden, denn niemand, der seine Sprache kennt, interessiert sich für das, was er zu sagen hat.
Vielleicht ist das der Grund, weshalb niemand mehr von der alten Statue weiß, die tief im Wald auf einer verborgenen Lichtung steht. In alten Zeiten war sie eine Göttin, nun ist sie nur noch ein junges, einsames Mädchen.
Ein Eichhörnchen und der Wind selbst sind die einzigen Besucher in dieser Abgeschiedenheit und die einzigen Gaben, die die vergessene Gottheit noch erhält, sind die Nüsse, die das Eichhörnchen während der Winterzeit in seinen Verstecken vergisst.
Der Wind kannte die Göttin schon, als sie noch ehrfürchtig verehrt wurde und anders als sie hat er auch die Kriege und die Naturkatastrophen mitbekommen, die den Teil der Menschheit ausgelöscht hat, der um die Statue im Wald wusste.
Er hat kein Mitleid, aber manchmal, wenn der Winter allzu lang ist und die Statue noch einsamer aussieht als sonst, dann raunt er ihr leise, leise eines seiner Geheimnisse ins Ohr und es ist ein bisschen so, als würde sie immer noch an dem Leben dort draußen teilhaben.
Doch dann rauscht der Wind weiter und nimmt seine geflüsterten Worte mit und zurück bleibt einsam das steinerne Mädchen.

(Christine Zaun)

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Treffpunkt Park

Ich gehe zu unserem Treffpunkt
Er ist schon da, er wartet auf mich
Ich werfe mich in seine starken Arme
Er hält mich
Und noch so viel mehr

Ich setze mich
Zu seinen Füßen
Und schaue auf
In sein offenes Gesicht
Vergoldet von der Sonne

Wir schweigen
Einige Minuten in vertrauter Stille
Dann beginnt er mir zuzuwispern
Ich kenne seine Sprache nicht
Und doch verstehe ich jedes Wort

Bald bricht die Dämmerung herein
Er ein großer Schatten
Und ich – ich
Ich muss gehen
Ihn zu verlassen fällt mir nicht leicht
Und es tröstet mich doch
Dass er auf mich warten wird
Mein Freund, der Baum

(Alexandra Mosdzin )

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Ich sehe alles
Und doch auch nichts
Ich kann fliegen
Und doch bleib ich stehen
Ich habe Federn
Und doch bin ich glatt
Ich bin ein Vogel
Und doch aus keinem Ei geschlüpft

Such mich und finde mich
Denn ich bin allein
Ich bin allein
Und doch habe ich Artgenossen um mich
Ich bin einzigartig

(Céline Thiede )

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Generation Blick nach unten

In der U-Bahn sitzen wir tagein tagaus.
Meistens steigen wir auch Tag für Tag an der selben Haltestelle aus.
Wir nehmen die gleiche Bahn.
Der Abfahrtsplan ist fast schon in unseren Unterarm tätowiert
und doch gucken wir nicht hin, was neben uns passiert.
Fahrgäste steigen aus, andere wieder ein.
Tagein, tagaus, doch das interessiert kein Schwein.
Unser Blick sinkt stehts nach unten. Immer auf das leuchtende Display hinab.
Und so tippen wir wie abgehackt,
Hauptsache in unser Smartphone hinein.
Wir wollen das Gespräch von Seite 3 lesen.
Für die Zeitung haben wir kein Platz.
Wir brauchen's komfortabel, kompakt.
An den restlichen Dingen besteht kein Interesse mehr.
Und so beschäftigen wir uns ohne jeglichen Blickkontakt.
Unsere Ohren ballern wir mit Musik zu.
Wir wollen die Welt nicht mehr hören,
wollen sie abstellen
und ich wage zu bezweifeln, dass wir die Oma sehen oder hören,
die uns nach unserem Platz fragen wird.

(Pauline Lammers )

Impressionen von der Summerslam am 2. Juni 2014 in der Zentralbibliothek

Der Eisberg

So kalt, so still, so schön, so vollkommen.
Vor mir der Eisberg, gefroren.
Eine Winterlandschaft.
Ich möchte an die Spitze, ganz nach oben,
hoch hinaus.
Meine Füße hinterlassen
unendlich viele Spuren,
mein Atem geht stoßweise,
ich sehe ihn vor mir wie Nebel.
Meine Füße erklimmen
den rutschigen Eisberg,
der Spitze entgegen,
mühsam aber stetig.
Der Eisberg sieht rosa aus
in der Abendsonne
und er glitzert
von tausenden Eiskristallen,
so kalt, so still, so schön, so vollkommen.
Ich erreiche eine Wolke
und erklimme auch sie,
versinke bis zu den Knien
im Schaumberg.
Und dann sitze ich oben,
hoch oben auf der Spitze
und beobachte von meiner Sahnewolke aus
wie die Abendsonne
langsam hinter dem Erdbeereis versinkt.

(Lena Spakowski)

Summerslam 2012

Gelenkt von einer fremden Hand
Gehalten oft von unsichtbarem Band
Ein Körper ohne eigenes Leben
Geschaffen um den anderen die Freude zu geben

Aus Träumen, Sehnsucht und aus Schein gemacht
Tanzen sie am Tag, doch ruhen in der Nacht
Eine Seele geben andere in sie hinein
Können nicht ohne den Spieler sein

Und doch zeigt ihr Gesicht und auch ihr Kleid
Eine durchaus eigne Wesenheit
Und manchmal fragt man sich
Bist du die Puppe oder spielst du mich?

(Thivyah Ramakrishnan)



Ich zeichne mir ein Wolkenschiff
Zeichne sonnenklare Weiten
Und es trägt mich durch die Zeiten
Fort zu meinem Sternenriff

Ich zeichne Funken in die Nacht
Segle durch das Meer aus Farben
Und inmitten Feuergarben
Leg ich an, vom Licht umwacht

Ich zeichne einen Wasserfall
Stürz mich in die wilden Wogen
Und fall ich durch den Regenbogen
Lern ich fliegen mit dem Schall

Ich zeichne mir ein Schloss aus Zeit
Umschwebt vom Tanz der Schmetterlinge
Und dass der Zauber nicht verginge
Träum ich mir die Ewigkeit

(Lara Hartung)

Sommervernissage 2011

Als einmal eine Welt neben mir saß

Eines regnerischen Abends stand ich am Düsseldorfer Hauptbahnhof und hatte ganz andere Probleme. Ich hatte mich mit einer Freundin zum Abschied vor den Sommerferien getroffen obwohl meine Mutter erwartet hatte ich würde den Samstag endlich einmal mit der liebreizenden Cousine aus Ungarn verbringen, welche schon eine ganze Weile da war aber auch mit zusätzlich verstreichender Zeit nicht erträglicher für mich wurde. Ich konnte sie einfach nicht ausstehen und weigerte mich mehr als die nötigste Zeit mit ihr zu verbringen. Meine Mutter hatte mir darauf versichert ich dürfe die Nacht draußen verbringen und ich war gerade dabei eine SMS an eine Nachbarin zu schicken, um diese zu fragen, ob ich bei ihr nächtigen dürfe. Wie ich so dastand und überlegte, wie ich meinen Satz formulieren sollte - ich pflege Worte persönlicher Nachrichten in dieser Form stets mit pingeliger Sorgfalt und recht behutsam auszuwählen - fiel mir ein junger Mann auf, vielleicht um die 23, der attraktiv und auf seine eigene besondere Weise sehr stilvoll gekleidet war. Soweit ich das als Laie - ich bin wohl eher ein Kombinationstalent, um der Bezeichnung Modemuffel zu entgehen - beurteilen kann handelte es sich hierbei um eine klassische und doch elegant- extravagante Mischung aus Retro und casual Leisurewear aber irgendwie auch recht vornehm. Er trug schwarze Jeans die unten ein klein wenig schmaler geschnitten war, Turnschuhe aus hellbraunem Leder, eine dazu passende  Herrentasche aus Khaki-Stoff und demselben Leder, eine dunkle Krokodilleder-Armbanduhr, einen langen beigen Trenchcoat, darunter ein bordeaux-dunkelblaukariertes Hemd, einen schwarzen „Charlie-Chaplin- Hut“ (?) eine dezente Brille im Retrostil und einen blutroten Schal.... Ich fragte mich einige Sekunden lang, was er wohl für ein Typ Mensch sei: Handtasche…. vielleicht vom anderen Ufer? Nein, unmöglich, viel zu seriös dafür! Vielleicht ein Künstler? Model? Hm….er war mir ein Rätsel, also…. beobachtete ich ihn nicht länger…. Der Zug fuhr ein. Als ich eingestiegen war und ihn längst vergessen hatte….saß er plötzlich neben mir. Ich nahm normalerweise nie Taschenbücher mit, da ich unterwegs schon immer die meiste Zeit mit Planung am Kalender beschäftigt bin und mich zudem eh nicht konzentrieren kann, da alles in Bewegung ist und ich gerne mit den Augen dabei bin. Ich sehe mir gern lange, sehr lange die Landschaft an, und zwar vor allem, wenn es durch mein geliebtes Rhein-Ruhrgebiet geht. Sonst beobachte ich lesende Menschen, versuche zu erspähen was sie lesen, wieweit sie sind, was ihre Mimik und Gestik in Kombination zum Buchtitel und Covergestaltung über den aktuellen Inhalt aussagt, grüble mit Bedacht auf äußere Erscheinung, Autor, Titel bzw. Genre über ihren Typ, ihren Charakter, ihre Lebensgeschichte und vor allem darüber, was sie momentan in ihrem Leben sehr beschäftigt, bewegt, berührt, was sie dazu veranlasst hat sich gerade in diesem Buch „verlieren zu wollen“. Dort und dann aber gab es nichts mehr zu sehen, ich meine sogar die Scheiben seien beschlagen gewesen und ich wollte einfach gern abschalten. Gut also vielleicht, dass ich ein neues vom Autor selbst aus der Hand und unter freundlicher Ermäßigung erworbenes persönlich signiertes Buch mit Kurzprosa dabei hatte. Ich hatte es ausgepackt, weil Kalender und Wochenplanung - ob man es glaubt oder nicht - einmal bereits fertig waren. Doch es erwies sich als wohl doch nicht so helle Idee, denn sogar auf die zwei bis drei Minuten Text konnte ich mich nicht konzentrieren. Und das lag keineswegs am Buch! Es zwang sich auf weiter zu grübeln. Als es wieder zu anstrengend wurde, klappte ich das Buch zu, kramte ein Blatt Papier hervor und….begann das hier zu kritzeln: „Entschuldigung, wie nennt man die Art von Hut, die Sie tragen?“ und alles, was man hier bisher gerade lesen konnte. Ich wagte es nicht ihn anzusprechen, obwohl ich ohne jeden Grund - zumindest ohne einen mir bekannten - äußerst interessiert an seinem Leben war. Er las ebenfalls ein Buch, pardon, er las eines und ich ja nicht mehr. Zumindest versuchte er es, denn er klappte es zu als er bemerkte wie emsig ich neben ihm schrieb….er schaute einige Male auf mein Blatt, - schien es demonstrativ zu tun oder er war einfach selbstbewusst genug nicht herüber-“schielen“ zu brauchen - was mein Herz in ein wildes, unkontrollierbares Klopfen und Pochen versetzte doch mich insgeheim sehr freute. Irgendwann hatte ich mich soweit gesammelt, dass ich allen Mut zusammennehmen konnte ihm die Frage hinzuhalten, weil ich es nicht ertragen könnte, falls ich es nicht täte! Ich verpasse im Leben so oft Dinge wie Chancen, von denen ich später bereue sie an mir vorbeiziehen gelassen zu haben, Strategien, die ich erst im Nachhinein aufstelle oder Ziele, deren Triumph ihres Erreichens ich mir genau vorstellen kann doch dann keinen Schritt auf deren Wegen wage! Ich hatte vorher schon eine ganze Weile darüber nachgedacht, ob ich ihn ansprechen solle, wie man denn Leute einfach so anspricht, wie es denn andere machten von denen man so hört und ob es immer einfach nur „psycho“ und „strange“ erscheint, wenn man denn in unserer so anonym-verschlossenen Gesellschaft die Normen der Höflichkeit oder eher die Normen der Normalität - was auch immer dessen Definition sei - bricht. Also….ich stellte fest, dass mir das durchaus schmeicheln würde, wenn jemand so viel über mich nachdenken und schreiben würde und ob das andere anders sahen, war mir gerade herzlich egal. Stattdessen ärgerte ich mich nur einen weiteren kurzen Moment darüber, was einige Augenblicke zuvor mit meiner äußerst originellen und abenteuerlichen Strategie mit dem werten Herren neben mir kommunizieren zu können geschehen war. Ich hatte mir kurzerhand überlegt ihm die Frage auf dem Zettelchen hinzuhalten und wenn er dann fragte, wieso ich nicht sprach würde ich ihn mit einem wehleidigen/leidvollen Blick, so zur Mitte hochgezogenen Brauen und weichen, unschuldigen Augen ansehen und die Finger auf den geschlossenen Mund legen, eine kurze Art Gebärdensprache imitieren, um ihm klarzumachen, dass ich weder sprechen noch hören kann. Natürlich würde ich dabei keine unattraktiven Laute von mir geben aber ich hätte meine Sache gut gemacht. Dass es gelogen sein sollte war lächerlich und ich verschwendete keinen weiteren Gedanken an solche Absurdität. Im Gegenteil war ich fasziniert und entzückt von der Idee und zweifelte auch kein wenig an meinem schauspielerischen und vor allem improvisatorischen Talent. Hätte mir da bloß nicht das plötzlich klingelnde Handy einen dicken, ernüchternden Strich durch die Rechnung gemacht. Es war die Nachbarin, der ich geschrieben hatte und ich musste wirklich rangehen. Aber nun, da ich ihm den Zettel hinhielt - während er eigentlich bereits dabei war auf meinen Schoß zu sehen - und mit dem Stift auf die Frage in der Ecke deutete und mutig einige anstrengende Sekunden seine Reaktion abwartete war aller Ärger verflogen, denn: Er lachte! Er lachte ein sehr kurzes aber so bezauberndes Lachen, dass ich selbst über die Verrücktheit von allem, was bis gerade durch meinen Kopf gegangen war, lachen musste. Über alles, was bis gerade noch Theorie war und nun in der Luft verbreitet schwebte und ihn berührt hatte oder angesteckt, so hoffte ich. War es etwa dies, das man immer Aura nannte? Ich weiß nicht. Aber ich wusste unsere Seelen sprachen miteinander, auch wenn die folgende Konversation nur aus einigen kurzen Sätzen bestand: „Puuuuh, weiß ich gar nicht!“ Darauf brachte ich bloß ein verschämtes „Hm“ heraus und dann duzte er mich: „Aber den bekommst du bei H&M.“ Autsch! Ich wollte schnell klarstellen: „Nein ich wollte nur…ich mag es nur einfach wissen.“ Und um ihm zu zeigen wieso und dass es eben nicht nur einfach so, sondern für dieses verdammte Gekritzel war, deutete ich so unauffällig wie möglich aber auch wiederum demonstrativ mit dem Stift auf das Papier, um es ihm klarzumachen und um die Frage zu hören, die das Gespräch weiter aufrecht erhalten könne: „Wieso möchtest du das denn wissen, schreibst du denn etwa gerade darüber?“. Es war lächerlich, warum sollte er so etwas fragen. Aber er, während er seine Sitzposition etwas änderte begleitet von einem etwas längeren „Ehm“, indizierte, dass das Gespräch durchaus noch nicht beendet war. Doch er wusste wohl nicht was zu sagen, hatte die Signale zwar aufgenommen aber meine holprige Körpersprache nicht verstanden und wiederholte bloß noch einmal: „Ich weiß es echt nicht. Sorry.“ Ein leises „Schon ok.“ war das einzige, was ich herausbrachte und dann machte ich einen zusätzlich sehr stupiden Fehler: Ich drehte mich verschämt von ihm weg, zum Fenster hin, schaute hinaus, ohne auch nur irgendetwas anzusehen oder aufzunehmen. Dann widmete ich mich wieder dem Blatt Papier auf meinem Schoß. Ein dumpfes Gefühl machte sich in meinem Bauch breit und ich spürte, wie sich dieses Wesen neben mir, das sich so erfreulich genähert hatte, immer weiter von mir entfernte. Ich dachte noch daran irgendwie auf mental-telepathischer Ebene mit ihm weiter zu kommunizieren, bis er ausstieg. Er ging, als ich gerade von den Chancen in meinem Leben schrieb. Es fiel mir die ganze Zeit so schwer mich für die Tempi zu entscheiden, weil ich das alles ja gerade eben niederschreibe, also es passiert in diesem Moment, wo er sich gerade wirklich neben mir befand. Vorhin saß er noch da und ich schrieb so schnell ich konnte, damit ich nichts verpasse, was er tut oder ich fühle. Nun aber ist er ausgestiegen und hat nicht einmal Tschüss gesagt. Wieso hab ich es dann nicht gesagt? Weil er der Mann ist?! Ach Quark, nein, wahrscheinlich weil mir gerade die Bedrücktheit den Mund verschließt. Außerdem hätte ich aber auch nicht Tschüss gesagt, sondern „Auf Wiedersehen“, weil ich es so meinen würde und es nicht einfach so daher gesagt wäre. Es fiel alles wieder zurück in die anfängliche Theorie, in die traurige Melancholie. Möglicherweise war auch alles nicht so der Rede wert gewesen und er hat mich jetzt schon längst vergessen. Ich habe jedenfalls bisher keinen Sinn darin gesehen jemandem von meinem Erlebnis zu berichten. Allerdings ist es das Schreiben alle Male und ich würde jedem diesen Text zeigen. Er war eine Welt, die ich gern kennenlernen mochte und ich hätte es mir so sehr gewünscht, dass auch er gern meine Welt entdecken wollen würde. Diese Welt lebt irgendwo in Mülheim an der Ruhr, also gleich nebenan. Und man trifft sich ja immer zwei Mal im Leben.

Narges Shafeghati (18 Jahre, zwischen Düsseldorf und Essen, Sommer 2011)

Sommervernissage 2010

Nen bisschen Ruhrpott, so wie ich

„Ach nee, guck mal Truthild, die Alten kommen wieder!“
„Boah nee, watt die sich immer denken nachmittachs um fünf. Irgendwann will ich auch noch mal meine Ruhe haben.“
„Ich weiß gar nich, watte has. Ich find die ganz nett. Schieben uns nen bisschen durch de Gegend und in ein, zwei Stunden hasse auch wieder deine Ruhe. Nen bisschen Sport tut auch ma ganz gut. Datt hält dich fit.“
„Boah Wilma, du immer mit deinem Sport. Hasse nix anderes zu tun den ganzen Tach?“
„Nö. Schließlich stehen wir nur deswegen hier, damit uns alte, lustige Rentner auf den schwarzen und weißen Feldern rumschieben können.“
„Datt mag ja sein, aber datt is immer so anstrengend mit den. Der Eine schiebt dich erst durch de Gegend, wenne nett aussiehs, datt heißt ausnahmsweise ma keine Vogelscheiße an dir klebt und dann muss der dir ers nen komischen Spruch ins Ohr flüstern, datte jetz auch ja alles richtig machs. Und der Andere streichelt dich vorher immer, datt kitzelt und schließlich hab ich ja auch noch meine Intimsphäre.“
„Maan stell dich nich so an. Du stehs den ganzen Tach auf diesen Feldern und seit Jahren stehs du hier nackig. Du kanns ja noch froh sein, datt du schwarze Hautfarbe has. Ich mit meiner kalkweißen Haut seh nich so gesund aus.“
„Ach guck ma Wilma jetz gehen se an uns vorbei.“
„Och schade, aber ich weiß auch warum. Der schwarze Bauer Uwe und datt weiße Pferd Harry haben sich heute morgen mit Vogelscheiße und anderm Mist beschmissen und danach sind die nich duschen gegangen. Die möchte ich auch nich mehr anfassen. Ich wollte doch nochne Revanche wegen letzte Mal als deine schwarze Truppe uns vom Feld gefegt hat. Naja, nächste Mal bisse fällig.“
„Jo, wir stehn hier ja noch nen bisschen länger, die Zeit rennt uns ja nich davon.“
„Ach Truthild, ich sag ja immer Schach…“
„Matt, Wilma.“

Von Lena Klose