Kloster BMV vom Klostergarten aus Konvent beim Antrittsbesúchs von Bischof Franz-Joseph Overbeck am 27.2.2010 Schwesternchor in der Klosterkirche

Ich bin berufen!

Ich bin berufen,
etwas zu tun oder zu sein,
wofür kein anderer berufen ist.
Ich habe einen Platz in Gottes Plan,
auf Gottes Erde,
den kein anderer hat.
Ob ich reich bin oder arm,
verachtet oder geehrt bei den Menschen,
Gott kennt mich
und er ruft mich mit meinem Namen.

(John Henry Newman)

Eine Berufung zu einer bestimmten Lebensform oder Aufgabe ist ein langer Prozess. Man kann ihn vergleichen mit einer zarten kleinen Pflanze, die aus dem Erdreich aufbricht, sich zur Sonne emporreckt, irgendwann Knospen trägt und - wenn die Zeit gekommen ist - wunderschön blüht. Der Prozess einer Berufung ist eine Zeit des Fragens und des Suchens, des Mit-sich-Ringens und des Zweifelns, es ist eine Zeit voll innerer Unruhe und Unsicherheit, in der aber immer mehr wachsende Klarheit und Sicherheit durchschimmern.

Es ist aber auch eine Zeit innerer Freude und Gelassenheit, in der man sich von Gott unendlich getragen fühlt und in der tief im Innern die Sehnsucht entbrennt, sich auf dieses Leben mit Gott einzulassen und dieses Wagnis einzugehen.

Alles beginnt mit der Sehnsucht!

So hat es schon Nelly Sachs (1891-1970) formuliert. Bevor wir uns Gott zuwenden können, hat er uns schon längst liebevoll angeschaut, denn "die Sehnsucht Gottes ist der Mensch" (Augustinus). Bevor wir einen Schritt auf Gott zugehen können, ist er uns bereits mit offenen Armen entgegengekommen. Und tief in uns schlummert auch die Sehnsucht nach Gott und nach seiner grenzenlosen Liebe, die nur darauf wartet, entfacht zu werden.

Komm, folge mir nach!

Gott rührt uns an mit seinem Ruf, er schreckt uns auf. Er lockt uns immer wieder, uns auf ihn einzulassen und ihm unser Leben anzuvertrauen. Doch in unserer lauten und hektischen Welt ist es oft nicht leicht, die leise, zarte Stimme Gottes im Alltag wahrzunehmen zwischen all den Reizen, die auf uns einströmen. Unser Ordensvater Augustinus beschreibt dies in seinen Bekenntnissen folgendermaßen:

„Spät habe ich dich geliebt, o Schönheit, so alt und doch immer neu, spät habe ich dich geliebt. Und siehe, du warst in meinem Innern und ich draußen; und draußen suchte ich dich und stürzte mich in meiner Hässlichkeit auf die schönen Gebilde, die du geschaffen. Du warst bei mir, aber ich nicht bei dir. Weit weg von dir zog mich, was doch keinen Bestand hätte, wenn es nicht in dir wäre. Du hast mich laut gerufen und meine Taubheit zerrissen; du hast geblitzt und geleuchtet und meine Blindheit verscheucht. Du hast mir süßen Duft zugeweht; ich habe ihn eingesogen, und nun seufze ich nach dir. Ich habe dich geschmeckt, und nun hungere und dürste ich nach dir. Du hast mich berührt, und ich bin entbrannt in deinem Frieden.“ (Confessiones X, 27, 38)

Gott hat einen Plan mit meinem Leben

Doch welchen? Meine Gaben und Talente, mit denen Gott mich ausgestattet hat, können erste Anzeichen für diesen Plan sein. Es kann eine Bibelstelle sein, bei der ich hängen bleibe. Es kann eine Person sein, deren Lebensweise und Lebenswerk mich beeindrucken und die ich für nachahmenswert erachte. Es kann ein Satz sein, den jemand vielleicht in einem ganz anderen Zusammenhang zu mir sagt, der mir aber in meinem Suchen und Fragen behilflich ist und mir plötzlich eine Antwort auf meine Fragen gibt. Es kann ein Ohrwurm sein, der sich in meinem Kopf breit macht, und der für mich in meiner konkreten Situation eine Botschaft bereit hält. Es kann sogar ein Werbeslogan sein, der mir Mut macht, weiter zu suchen.

Wenn dir warm ums Herz wird…

Berufung ist nicht nur Kopfsache, sondern man muss vor allem auf die Sprache des Herzens achten. Denn: wenn dir warm ums Herz wird, dann spricht Gott mit dir! Wird mir warm ums Herz, wenn ich regelmäßig bete und in den Gottesdienst gehe? Wird mir warm ums Herz, wenn ich in der Bibel lese? Wird mir warm ums Herz, wenn ich mich mit verschiedenen Berufungsgeschichten auseinandersetze? Wird mir warm ums Herz, wenn ich mich für meine Mitmenschen einsetze? Wird mir warm ums Herz, wenn ich mich gemeinsam mit anderen auf dem Weg des Glaubens unterwegs weiß? Dies alles sind Anzeichen, die auf eine Berufung hindeuten können.

Wegbegleiter finden

Es ist gut, einen Wegbegleiter zu haben, der den Berufungsweg mitgeht. Er kann dir Impulse und Denkanstöße geben und deine Fragen beantworten, er kann mit dir auf dem Weg sein und im besten Fall auch von eigenen Erfahrungen berichten. Wegbegleiter lassen sich meist über die Diözesanstelle für kirchliche Berufe im jeweiligen Bistum oder in jedem beliebigen Kloster finden.

Sich entscheiden

Wenn du dich mit der Möglichkeit eines Ordenseintritts auseinandergesetzt hast und Hilfen für die Entscheidungsfindung suchst, kann dir die Seite der Jesuiten (so geht entscheiden) sicher behilflich sein. Hier werden einige Impulsfragen gestellt, die dir helfen, den Blick zu schärfen und in kleinen Schritten zu einer guten Entscheidung zu gelangen.

JA sagen

Wer sich von Gott gerufen weiß und auf diesen Ruf eine Antwort geben möchte, der sagt nicht nur einmal JA. Vielmehr muss dieses JA immer wieder neu gesagt werden. Klaus Hemmerle (1929-1994), der frühere Aachener Bischof, hat es sehr schön formuliert:

„Da hat GOTT einen Menschen angerührt, und damit beginnt die heimliche Unruhe seines Lebens, bis er an den Punkt kommt, an dem dieses eine JA reift, und er dieses JA ganz sagt. Oder er hat es gesagt, und er kommt hinein in ein Dunkel, und nun muss er das JA neu sagen, muss er es durchtragen. Und was vielleicht am Anfang Jubel und selbstverständliche Zustimmung war, wird jetzt hartes Brot seiner Alltäglichkeit, aber dadurch nur umso kostbarer, umso redlicher, in aller Armut nur noch tiefer. Das ist das Ungeheuerliche, dass es im menschlichen Herzen mitten im Gewirr der Motive, Empfindungen, Erfahrungen, auch Abhängigkeiten, … und Verstellungen dennoch etwas gibt wie diesen lauteren Punkt: es geht um GOTT, es geht um ihn, um dieses „Nur DU“.“ (Klaus Hemmerle)

Wohin du auch gehst - Gott geht mit dir

Das Unterwegssein Gottes mit den Menschen zieht sich wie ein roter Faden durch die Bibel. Immer wieder gibt Gott seinen geliebten Kindern die Zusage: "Ich bin bei dir!" Und auch wir dürfen in unserer heutigen Zeit darauf vertrauen, dass Gott mit uns geht und uns nicht im Stich lässt. Ein sehr schönes Beispiel vom Zuspruch Gottes finden wir bei Jesaja:

"Fürchte dich nicht, denn ich habe dich ausgelöst, ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir. Wenn du durchs Wasser schreitest, bin ich bei dir, wenn durch Ströme, dann reißen sie dich nicht fort. Wenn du durchs Feuer gehst, wirst du nicht versengt, keine Flamme wird dich verbrennen. Denn ich, der Herr, bin dein Gott, ich, der Heilige Israels, bin dein Retter. [...] Weil du in meinen Augen teuer und wertvoll bist und weil ich dich liebe, gebe ich für dich ganze Länder und für dein Leben ganze Völker. Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir. [...] Denn jeden, der nach meinem Namen benannt ist, habe ich zu meiner Ehre erschaffen, geformt und gemacht." (Jes 43, 1-7)

 

 

"Und es kam der Tag,

          da das Risiko, in der Knospe zu verharren,

                    schmerzlicher wurde als das Risiko zu blühen."

                                                  (Anaïs Nin)